Pigmente & Technik
Eine vertiefende Seite zu Material, Handelswegen und Herstellungsverfahren des Blauen in der Bronzezeit.
Eine vertiefende Seite zu Material, Handelswegen und Herstellungsverfahren des Blauen in der Bronzezeit.
Blau war in der Antike keine selbstverständliche Farbe.
Blau war in der Antike keine selbstverständliche Farbe. Es musste gefunden, gehandelt oder hergestellt werden. Anders als viele rote oder gelbe Erdfarben waren geeignete blaue Pigmente nicht überall verfügbar. Ihre Gewinnung und Verarbeitung erforderten Materialkenntnis, bei künstlich hergestellten Pigmenten auch Feuer und Zeit.
Auf Kreta begegnet uns das Blau der minoischen Kultur nicht nur als Bestandteil von Bildern, sondern auch als Ergebnis eines Zusammenspiels aus Rohstoffen, Handelswegen und handwerklichem Wissen.
Diese Seite versammelt Spuren dieses Wissens: Pigmente, Herstellungsverfahren und archäologische Methoden, mit denen sich selbst kaum noch sichtbare Farben nachweisen lassen.
Sie ergänzt die essayistische Annäherung durch Materialität und Technik – nicht als Gegenpol, sondern als Fundament.
Die Maler der bronzezeitlichen Ägäis verwendeten unterschiedliche blaue Pigmente. Neben künstlich hergestelltem Egyptian Blue kamen auch natürliche Mineralien zum Einsatz. Untersuchungen erhaltener Wandmalereien zeigen, dass beide Arten von Pigmenten mitunter sogar gemeinsam verwendet wurden.
Riebeckit und verwandte blaue Amphibole
Diese Minerale können blaugraue bis blaue Farbtöne liefern. In Wandmalereien aus Knossos wurde Magnesio-Riebeckit nachgewiesen, teilweise gemeinsam mit Egyptian Blue. Auch in Akrotiri auf Santorin verwendeten die Maler natürliche blaue Amphibolpigmente.
Ältere Untersuchungen bezeichneten diese Minerale häufig als Glaukophan. Neuere Analysen zeigen jedoch, dass die genaue mineralogische Unterscheidung nicht immer einfach ist.
Azurit
Azurit ist ein natürliches blaues Kupfermineral, das bereits in vorgeschichtlicher Zeit als Farbmaterial verwendet wurde. In den hier untersuchten minoischen Wandmalereien gehört es jedoch nicht zu den nachgewiesenen Blaupigmenten.
Lapislazuli
Das kostbare blaue Gestein war in der Antike über weite Handelswege verbreitet. Seine Verwendung als Schmuck- und Objektmaterial ist von seiner Verwendung als Malpigment zu unterscheiden. Für die hier untersuchten minoischen Wandmalereien ist Lapislazuli nicht nachgewiesen.
Egyptian Blue
Dieses künstlich hergestellte Pigment ist sowohl in Knossos als auch in Akrotiri nachgewiesen. Seine Herstellung erforderte geeignete Rohstoffe und kontrollierte Brennverfahren.
Bild: Azurit-Pigment, Wikimedia Commons (Public Domain)
Egyptian Blue gehört zu den frühesten künstlich hergestellten Blaupigmenten. Sein charakteristischer Farbträger ist das Calcium-Kupfer-Silikat Cuprorivait (CaCuSi₄O₁₀).
Das Pigment wurde bereits im Alten Ägypten hergestellt und später auch in der bronzezeitlichen Ägäis verwendet. Anders als natürliche Mineralpigmente entstand es durch das gezielte Erhitzen einer Mischung verschiedener Rohstoffe.
Seine Herstellung zeigt, dass die Farbkunst der Antike nicht nur auf der Auswahl geeigneter Materialien beruhte, sondern auch auf der Beherrschung technischer Verfahren.
Für die Herstellung von Egyptian Blue wurden mehrere Rohstoffe miteinander vermischt:
Quarzhaltiger Sand als Siliciumquelle
Eine Kupferquelle, beispielsweise Malachit oder andere kupferhaltige Materialien
Kalk als Calciumquelle
Ein alkalischer Zusatz, etwa Natron oder Pflanzenasche
Die Mischung wurde bei hohen Temperaturen, häufig im Bereich von etwa 800 bis 1.000 °C, gebrannt. Dabei bildeten sich Kristalle des blauen Minerals Cuprorivait. Nach dem Abkühlen konnte das entstandene Material zerkleinert und zu einem Pigment verarbeitet werden.
Die genaue Zusammensetzung und die Brennbedingungen beeinflussten das Ergebnis. Egyptian Blue war daher nicht einfach eine Mischung farbiger Stoffe, sondern das Produkt eines gezielten Herstellungsprozesses.
Aus Sand, Kupfer, Kalk und Feuer entstand eine Farbe, die über Jahrtausende erhalten bleiben konnte.
Blau war in der minoischen Welt kein bloßes Bildmittel.
Es war Ergebnis von Wissen, Bewegung und Austausch –
und damit Teil einer Kultur, die Farbe als Erfahrung verstand.
Bild: Amulett (Wedjat-Auge) aus Egyptian Blue, Museo Egizio – CC0
Blau wurde in der Antike nicht nur auf Wände gemalt. Es begegnet uns auch auf Perlen, kleinen Figuren und Amuletten.
Viele ägyptische Objekte dieser Art bestehen aus sogenannter Fayence. Anders als gewöhnliche Keramik wurde sie überwiegend aus fein gemahlenem Quarz hergestellt. Ihre blaue oder blaugrüne Oberfläche erhielt sie durch eine kupferhaltige Glasur.
Dafür entwickelten Handwerker unterschiedliche Verfahren. Bei einem davon wanderten lösliche Salze während des Trocknens an die Oberfläche. Beim anschließenden Brennen entstand dort eine dünne glasartige Schicht.
Fayence und Egyptian Blue sind daher nicht dasselbe: Während Egyptian Blue vor allem als Pigment verwendet wurde, ließ sich Fayence zu eigenständigen Gegenständen formen und glasieren.
Die Herstellung solcher Objekte zeigt, wie eng Materialkenntnis, Farbe und handwerkliche Gestaltung bereits in der Antike miteinander verbunden waren.
Untersuchungen von Egyptian Blue aus der bronzezeitlichen Ägäis geben Hinweise darauf, dass bei seiner Herstellung möglicherweise auch Materialien aus der Metallverarbeitung verwendet wurden.
In einigen älteren Pigmentanalysen wurden neben Kupfer geringe Mengen von Zinn, Arsen und Blei festgestellt. Sie könnten auf die Verwendung von Kupferlegierungen oder metallurgischen Rückständen hinweisen. Andere Untersuchungen fanden dagegen kein eindeutig nachweisbares Zinn.
Die Unterschiede zeigen, dass nicht überall dieselben Rohstoffe und Verfahren vorausgesetzt werden können.
Auch die Frage, ob Egyptian Blue auf Kreta selbst hergestellt oder aus anderen Regionen eingeführt wurde, ist damit nicht abschließend beantwortet.
Die minoische Farbkunst beruhte auf handwerklichem Wissen und war in die Material- und Handelsbeziehungen des östlichen Mittelmeerraums eingebunden.
Bild: „Cup Bearer“, Fresko aus Knossos, Archäologisches Museum Heraklion, CC0.
Von vielen antiken Wandmalereien sind nur Fragmente erhalten. Manche Farbschichten sind verblasst, beschädigt oder mit bloßem Auge kaum noch zu erkennen.
Naturwissenschaftliche Verfahren helfen dabei, ihre Zusammensetzung zu untersuchen. Mit Raman-Spektroskopie und Röntgenfluoreszenzanalyse lassen sich beispielsweise mineralische Bestandteile und chemische Elemente bestimmen.
Für Egyptian Blue gibt es eine besonders aufschlussreiche Methode: Wird das Pigment mit sichtbarem Licht angeregt, sendet es Strahlung im nahen Infrarotbereich aus. Spezielle Kameras können dieses Leuchten erfassen und dadurch auch geringe Pigmentreste sichtbar machen.
Solche Untersuchungen ermöglichen es, verlorene Farbspuren nachzuweisen und ursprüngliche Bildgestaltungen besser zu verstehen. Sie zeigen jedoch nicht automatisch, welche Bedeutung die Farben für die Menschen der Antike hatten.
Die Herstellung und Untersuchung antiker Pigmente ist ein Forschungsgebiet zwischen Archäologie, Chemie und Materialwissenschaft. Die folgenden Veröffentlichungen geben Einblick in die verwendeten Rohstoffe, die technischen Verfahren und die heutigen Untersuchungsmethoden.
Westlake, Polly, et al. (2012)
Studying pigments on painted plaster in Minoan, Roman and early Byzantine Crete. A multi-analytical technique approach.
Analytical and Bioanalytical Chemistry, 402, S. 1413–1432.
Naturwissenschaftliche Untersuchung von Pigmenten auf kretischen Wandmalereien verschiedener Epochen.
Vlachopoulos, Andreas, und Sophia Sotiropoulou (2013)
The Blue Colour on the Akrotiri Wall-paintings: From the Palette of the Theran Painter to the Laboratory Analysis.
Talanta, XLIV, S. 245–272.
Untersuchung natürlicher und künstlicher Blaupigmente in den Wandmalereien von Akrotiri.
Getty Conservation Institute – APPEAR Project
APPEAR Bibliography.
Forschungsliteratur zu antiken Farbfassungen und naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden, darunter die Visible-Induced Luminescence zum Nachweis von Egyptian Blue.
Paul T. Nicholson und Ian Shaw (Hg.) (2000)
Ancient Egyptian Materials and Technology. Cambridge University Press.
Grundlagenwerk zur Herstellung und Verarbeitung antiker Materialien, darunter Pigmente, Glas und Fayence.