Notizen
Nicht alles braucht einen eigenen Raum.
Manches bleibt am Rand – ein Wort, ein Brauch, ein kleiner Zusammenhang, der im Vorübergehen auffällt.
Diese Seite hält solche Beobachtungen im Süden Kretas fest.
Fundstücke und kleine Situationen aus Sprache, Alltag und Geschichte.
Nur das, was sich zeigt –
und sonst leicht verloren geht.
“The world is blue at its edges and in its depths.” — Rebecca Solnit, A Field Guide to Getting Lost
Ein einzelnes Wort für das, was im Norden oft als „blaues Gefühl“ oder "Blues" beschrieben wird, gibt es im Griechischen nicht. Dafür existieren zahlreiche Begriffe, die bestimmte Nuancen benennen – jedes mit eigenem Klang und eigener Geschichte:
καημός (kaimós) – eine bittersüße Sehnsucht.
νόστος (nóstos) – Heimkehr, die immer auch Erinnerung ist.
γαλήνη (galíni) – ruhige See, innere Ausgeglichenheit.
φως (phos) – Licht, auch im geistigen Sinn.
ντέρτι (dérti) – ein ziehender Schmerz, oft musikalisch gefärbt.
Für das Licht selbst gibt es weitere, präzise Bezeichnungen:
δειλινό (deilinó) – das Licht des Abends.
λυκόφως (lykófos) – Zwielicht.
λυκαυγές (lykavgés) – erstes Morgenlicht.
Diese Wörter beschreiben keine abstrakte „Farbe der Sehnsucht“.
Sie benennen Erfahrungen – konkret, situativ, alltäglich.
„Blue has no dimensions – it is beyond dimensions.“ — Yves Klein, Lecture at the Sorbonne, 1959.
Manche Wörter tragen eine lange Geschichte in sich. „Lyrik“ ist eines davon.
Es kommt vom griechischen lyra (λύρα) – einem Saiteninstrument, zu dem gesungen wurde.
Daraus entstand lyrikós – „zur Lyra gehörig“, später lyricus, lyrique, lirico, bis es schließlich als „Lyrik“ ins Deutsche kam.
Am Anfang stand also der Klang. Nicht die Analyse, nicht die Literatur – der Klang.
Berlin war grau, der Frühling noch fern.
Jemand sagte: „Fahr nach Kreta – Matala, Palmenstrand, das blaue Meer.“
Wir fuhren los, zu viert, im alten VW-Bus – nicht weil wir suchten, sondern weil wir rausmussten:
aus der Kälte, aus dem Lärm, in ein Licht, das echt war.
Die Straßen wurden schlechter, die Dörfer kleiner. Die Fähre nach Kreta war alt, laut und roch nach Diesel,
aber als die Insel im Morgenlicht auftauchte, war klar, dass etwas beginnt.
Manchmal zeigt sich das Blau nicht als Farbe, sondern als Raum.
Über Häusern, Leitungen, Antennen spannt sich ein Himmel, der alles zusammenhält.
Von unten betrachtet ist nichts ideal: Beton, Kanten, Fahnen im Wind. Und doch steht über allem diese blaue Kuppel – weit, geschlossen, selbstverständlich.
Man bemerkt sie nicht immer.
Aber sie ist da.
Auf Kreta begegnet man dem Mati (μάτι) im Alltag. Als Glasanhänger, Perle oder kleines Zeichen an Türen, Spiegeln, Werkzeugen.
Es ist ein Schutzsymbol gegen den „bösen Blick“ – jenen neidischen oder missgünstigen Blick, dem man Unglück oder Schaden zuschreibt.
Typisch sind konzentrische Kreise in Blau, Weiß und Schwarz, die ein Auge formen.
Die Vorstellung dahinter ist einfach: Ein Blick wird durch einen Blick abgewehrt.
Diese Praktiken gehören zur Volkskultur – privat, ohne öffentliche Inszenierung.
Auf Kreta ist das blaue Auge kein dekoratives Motiv. Es gehört zum Alltag.
Ein Zeichen, das man anbringt – und dann vergisst.
„Je tiefer das Blau, desto stärker zieht es in die Unendlichkeit.“ — W. Kandinsky Concerning the Spiritual in Art (1911).
Zeit
Blau vergeht langsam.
Es ist die letzte Farbe des Abends
und die erste des Morgens.
Zwischen beiden hält es die Zeit an.