Wer auf Kreta lebt oder die Insel besucht, begegnet Blau überall.
Im Meer.
Im Himmel.
Auf Booten.
An Türen und Fensterläden.
So selbstverständlich wirkt diese Farbe, dass kaum jemand nach ihrer Geschichte fragt. Dabei führt jede Antwort überraschend schnell zu einer anderen Frage:
Ist das Blau Griechenlands wirklich so alt wie die Landschaft, mit der wir es verbinden?
Die Geschichte ist kompliziert.
Der griechische Unabhängigkeitskrieg begann 1821. Bereits ein Jahr später, 1822, beschloss die Erste Nationalversammlung von Epidauros eine gemeinsame Nationalflagge für den entstehenden Staat: Blau und Weiß mit einem weißen Kreuz als Zeichen des orthodoxen Glaubens. Der moderne griechische Staat wurde erst 1830 international anerkannt.
Kreta gehörte damals noch nicht zu Griechenland. Die Insel blieb zunächst unter osmanischer Herrschaft, wurde 1898 ein autonomer Staat und erst 1913 offiziell Teil Griechenlands.
Das bedeutet: Das Blau der griechischen Flagge entstand ohne Kreta.
Und doch erscheint die Insel heute für viele Menschen als einer der blauesten Orte Griechenlands. Woher kommt dieser Widerspruch? Die ehrliche Antwort lautet: Niemand weiß es ganz genau.
Das Blau Griechenlands hat keinen einzelnen Ursprung. Es entstand aus vielen Schichten, die sich über Jahrhunderte übereinandergelegt haben. Da ist zunächst die Flagge der Revolution. Das weiße Kreuz auf blauem Grund verwies auf den orthodoxen Glauben und auf den Wunsch nach Unabhängigkeit.Doch das Blau war bereits vorher Teil des Alltags.
Auf den Inseln wurden Häuser traditionell mit Kalk weiß gestrichen. Kalk war günstig, reflektierte das Sonnenlicht und wirkte desinfizierend. Das Weiß entstand zunächst aus praktischen Gründen. Das Blau fand sich auf Booten, Türen, Fensterläden und Möbeln. Oft wurden dieselben Farben verwendet, die in der Schifffahrt verfügbar waren. Aus einer Notwendigkeit entstand langsam ein Bild.
Mit der Zeit verbanden sich Meer, Himmel, Architektur und nationale Symbole zu einer gemeinsamen Vorstellung Griechenlands.
Auch Kreta hatte dabei seinen eigenen Weg.
Als die Insel zwischen 1898 und 1913 als Kretischer Staat weitgehend autonom war, besaß sie eine eigene Flagge. Sie unterschied sich deutlich von der heutigen griechischen Nationalflagge und spiegelte die besondere politische Situation der Insel zwischen Orient und Europa wider. Das Blau Kretas lässt sich deshalb nicht allein aus der Geschichte Griechenlands erklären. Es reicht weiter zurück.
Zu den minoischen Wandmalereien von Knossos.
Zu byzantinischen Ikonen.
Zu den Farben der Schifffahrt.
Zu Himmel, Meer und Licht.
Wer sich mit dem Blau Griechenlands beschäftigt, stößt früher oder später auf eine Geschichte über Bayern. Sie erzählt von König Otto, dem Sohn des bayerischen Königs Ludwig I., der 1832 zum König Griechenlands gewählt wurde und 1833 in Nafplio an Land ging. Mit ihm kamen bayerische Beamte, Soldaten, Architekten und Handwerker ins Land. Auch die ersten größeren Brauereien Griechenlands entstanden in dieser Zeit. Der Bayer Johann Karl Fuchs gründete 1840 in Athen eine der ersten modernen Brauereien des Landes.
Bis heute wird gelegentlich erzählt, die blau-weißen Möbel Griechenlands gingen auf bayerische Wirte zurück, die ihre Bierlokale mit blauen Stühlen und weißen Tischdecken eingerichtet hätten.
Eine schöne Geschichte. Historische Belege dafür gibt es allerdings nicht. Tatsächlich waren Blau und Weiß bereits seit 1822 die Farben der griechischen Nationalflagge – elf Jahre bevor Otto nach Griechenland kam.
Die Bayern brachten Bier.
Das Blau war schon da.
Vielleicht gibt es deshalb keinen eigentlichen Ursprung des griechischen oder kretischen Blaus.
Es ist keine Erfindung.
Keine Entscheidung.
Keine einzelne Geschichte.
Es ist eine Verdichtung.
Eine Farbe, in der sich Landschaft, Geschichte, Religion, Architektur, Schifffahrt und Erinnerung überlagern. Wer heute auf Kreta Blau sieht, sieht deshalb mehr als eine Farbe.
Er sieht viele Geschichten zugleich.